Ihr müsst euch stählen
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Eine Trompete füllt das ganze Bild, als drohte sie, uns zu verschlucken. Die Einstellung wechselt, Kinder mit ernsten Gesichtern schlagen weit ausholend auf ihre Trommeln. Ein Jugend-Orchester beginnt zu spielen.
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Der Hitlerjugend-Marsch.
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Massen von Jugendlichen drängen in grosser Spannung zu einem Eingang zwischen zwei Tribünen. Einer klettert sogar einen Fahnenmast hoch, um besser sehen zu können. Man könnte meinen, sie erwarteten ihre Fussballmannschaft. Da erscheint Hitler mit seiner Führungscrew. Das ganze Stadion macht den Hitlergruss, der Schluss des HJ-Marsches geht in den Heil! Heil!''-Rufen unter. Das Orchester spielt einen zweiten Marsch. Inzwischen sind die NS-Führer auf der Rednertribüne angekommen und schauen hinaus ins Stadion, das rundherum von langen, im Wind wehenden Hakenkreuzfahnen geschmückt ist. Goebbels greift kurz zum Fernglas und wendet sich frech grinsend zu dem neben ihm Stehenden, einem schwarz Uniformierten mit einer intellektuell wirkenden, kleinen runden Brille.
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Der Doktor Goebbels lacht mit Himmler über die Kinder... Wir befinden uns jetzt im Städtischen Stadion südöstlich des Dutzenteiches, dem Fussball- und Leichtathletik-Stadion, das die Stadt Nürnberg in den Jahren 1926 bis 1928 als Teil einer umfangreichen Anlage von öffentlichen Sportplätzen errichtet hatte. Es heisst heute Franken-Stadion, in ihm trägt der 1. FC Nürnberg seine Heimspiele aus. Trotz mehrmaligem Umbau ist der achteckige Grundriss aus den 20er-Jahren noch immer erkennbar.
Innerhalb des Parteitagsgeländes befand sich das Stadion ungefähr in der Mitte zwischen dem Teilnehmerlager und der Luitpoldhalle, vom Lager aus gesehen rechts der zentralen Achse. Da es mit dem Fassungsvermögen von 60'000 Personen für nationalsozialistische Massstäbe zu klein war, wurde 1937 ein Stück weiter westlich mit dem Bau des Deutschen Stadions begonnen, das 400'000 Menschen hätte Platz bieten sollen. Die Bauarbeiten wurden bis 1944 mit abnehmender Intensität weitergeführt, von dem Projekt blieb schliesslich nur eine Baugrube übrig. Sie lief mit Grundwasser voll und trägt heute den Namen Silbersee. Es liegt kein Schatz in ihm, sondern sein Wasser ist vom Schwefelwasserstoff einer benachbarten Mülldeponie verseucht.
Die Hunderttausende von Menschen hätten selbstverständlich nicht mit herkömmlichen Mitteln zum Parteitag transportiert werden können. Deshalb wurde geplant, den Bahnhof Märzfeld durch eine Breitspurbahn mit einer Spurweite von drei Metern zu erschliessen, die zwischen den Grossstädten und dem Parteitagsgelände hätte verkehren sollen.
Die zentrale Achse des Geländes, auf deren Fluchtpunkt am Horizont die Kaiserburg liegt, wurde noch vor Kriegsausbruch zur Grossen Strasse, einer Paradestrasse von zwei Kilometern Länge und 60 Metern Breite ausgebaut. Im Gegensatz zum Stadion und zur Breitspurbahn wurde diese fertiggestellt, erlebte aber nie eine Parade. Nach dem Krieg landeten auf ihr amerikanische Flugzeuge, heute dient sie als Parkplatz für die Besucher der Fussballspiele und des südöstlich der Silbersees gelegenen Nürnberg-Messe.
Zurück ins Jahr 1934! Wir sind auf dem Treffen der Hitlerjugend, wie unschwer zu erkennen ist.
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Hitler grüsst. Ein junger Mann spricht mit schräg verzogenem Mund ins Mikrofon:
Schirach: Mein Führer, meine Kameraden! Wieder erleben wir diese Stunde, die uns stolz und glücklich macht.
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Baldur von Schirach, der Reichsjugendführer.
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Schirach: Nach Ihrem Befehl, mein Führer, steht hier eine Jugend, eine Jugend, die keine Klasse und keine Kaste kennt. Nach Ihnen formt sich die junge Generation unseres Volkes. Weil Sie die höchste Selbstlosigkeit dieser Nation vorannehmen, will auch diese Jugend selbstlos sein. Weil Sie die Treue für uns verkörpern, darum wollen auch wir treu sein. Adolf Hitler, der Führer der deutschen Jugend, hat das Wort.
Schirach grüsst, gibt Hitler die Hand, grüsst nochmals. Jubel im Stadion.
Hitler: Meine deutsche Jugend, nach einem Jahr kann ich euch hier wieder begrüssen.
Die HJ-Einheiten bilden auf dem Rasen ein Schachbrett-Muster.
Hitler: Ihr seid heute hier in dieser Muschel nur ein Ausschnitt dessen, was ausser hier über ganz Deutschland steht. Und wir wünschen uns, dass ihr, deutsche Jungens und deutsche Mädchen, in euch all das aufnehmt, was wir dereinst uns von Deutschland erhoffen.
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Man fragt sich, wo wohl die Mädchen sind. Überhaupt ist das weibliche Geschlecht in diesem Film eher untervertreten. Der Parteitag selber war, entgegen dem Eindruck, den wir hier gewinnen, keine reine Männerveranstaltung. Wie wir von Hitler hören, waren im Stadion auch die Mädel anwesend, und in der Luitpoldhalle fanden Frauenkongresse statt.
Die Hitlerjugend war ein Teil der nationalsozialisten Jugendorganisation. Hier im Städtischen Stadion waren alle Verbände versammelt, nämlich die HJ, der die 14- bis 18-jährigen Jungs angehörten, das Deutsche Jungvolk der 10- bis 14-jährigen und auf der weiblichen Seite der Bund Deutscher Mädel und der Jungmädelbund. Die HJ war schon 1926 als Jugendverband der NSDAP gegründet worden. Nach der Machtübernahme wurde sie nach und nach zur Staatsjugend erweitert und die übrigen Jugendorganisationen, die der katholischen und der protestantischen Kirche, die Pfadfinder undsoweiter, entweder verboten oder integriert. 1939 schliesslich wurde der Dienst in der Hitlerjugend obligatorisch. Von da an war die gesamte Zeit von der Wiege bis zur Bahre unter staatlicher Kontrolle: Schule, HJ, RAD, Wehrmacht.
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Hitler: Wir wollen ein Volk sein, und ihr, meine Jugend, sollt dieses Volk nun werden. Wir wollen einst keine Klassen und Stände mehr sehen, und ihr dürft in euch schon nicht das grosswerden lassen. Wir wollen einst ein Reich sehen, und ihr müsst euch schon dafür erziehen.
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In der Wirtschaft wird alles beim Alten belassen. Aber wenn die Jugend in sich den Gedanken an Klassen und Stände nicht grosswerden lässt, so existieren sie auch nicht. Die Volksgemeinschaft als Resultat von Gedankenakrobatik. Die heute so beliebte Redensart von der Sozialpartnerschaft gibt wenigstens noch einen Unterschied der beiden Partner zu.
Auffallend könnte auch, dass, obwohl das Volk und Reich so sehr geeint sind, es trotzdem so disparate Organisationen wie die vier Jugendorganisationen, die Arbeitsfront, den Reichsnährstand gibt. Hitler sagte zwar: wir wollen einst...'', so dass er wohl, wie Lenin, davon ausging, seine Sache befinde sich noch im Aufbaustadium. Doch ob Gedankentraining und das gemeinsame Zelten von dem, der später am Drehbank stehen, mit dem, der später im Direktionsbüro sitzen würde, ausgereicht hätte, all die Unterschiede zum Verschwinden zu bringen?
Und trotzdem: Auch wenn die Klassen und Stände bestehen blieben, so wurden unter dem Nationalsozialismus doch ihre Grenzen durchlässig wie nie zuvor. In den NS-Organisationen war es möglich, ungeachtet der Herkunft, allein durch Leistung einen höheren Posten zu erreichen. Damit machten sie einen grossen Schritt weg von den patriarchalen Strukturen und hin zur dynamischen und leistungsorientierten Gesellschaft der Gegenwart.
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Hitler: Wir wollen, dass dieses Volk einst gehorsam ist, und ihr müsst euch in dem Gehorsam üben. Wir wollen, dass dieses Volk einst friedliebend und aber auch tapfer ist, und ihr müsst friedfertig sein...
Grosser Jubel unterbricht ihn.
Hitler: Und ihr müsst deshalb friedfertig sein und mutig zugleich. Wir wollen, dass dieses Volk einst nicht verweichlicht wird, sondern dass es hart sein kann, und ihr müsst euch in der Jugend dafür stählen. Ihr müsst lernen, Entbehrungen auf Euch zu nehmen, ohne jemals zusammenzubrechen. Denn was wir auch heute schaffen und was wir tun, wir werden vergehen, aber in euch wird Deutschland weiterleben. Und wenn von uns nichts mehr übrigsein wird, dann werdet ihr die Fahne, die wir einst aus dem Nichts hochgezogen haben, in euren Fäusten halten müssen. Und ich weiss, das kann nicht anders sein, denn ihr seid Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut. Und in euren jungen Gehirnen brennt der selbe Geist, der uns beherrscht. Ihr könnt nicht anders sein, als mit uns verbunden. Und wenn die grossen Kolonnen unserer Bewegung heute siegend durch Deutschland marschieren, dann weiss ich: ihr schliesst euch den Kolonnen an. Und wir wissen: Vor uns liegt Deutschland, in uns marschiert Deutschland und hinter uns kommt Deutschland.
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Dass er ausgerechnet bei der Friedfertigkeit unterbrochen wird, dem einzigen Begriff, den er sogleich relativiert, mag ironisch anmuten. Doch, wie bereits angetönt, der Bevölkerung stand im Moment nichts ferner als der Gedanke an einen neuen Krieg. Seine Anforderungen an die Jugend fasste Hitler, was im Film nicht zu sehen ist, noch knapper in der bekannten Formulierung zusammen: Der deutsche Junge der Zukunft soll schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.'' Was jenser Thyssen an dem Rhein dazu meinte, dass das Produkt seines Konkurrenten zum Modell erhoben wurde, ist leider nicht überliefert.
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Hitler geht zurück zu Hess, Goebbels und den anderen. Sein Gruss hinaus ins Stadion wird mit Jubel erwidert. Während Schirach Hitler nochmals die Hand gibt, setzen die Trommeln wieder ein.
Nicht zu Fuss wie sie gekommen waren, sondern mit dem Auto verlassen sie das Stadion. Vorher drehen sie noch eine Ehrenrunde auf dem Rasen der 400-Meter-Bahn. Die Kamera fährt mit, entlang den winkenden und grüssenden Jugendlichen. Die Geräusche aus dem Stadion werden ausgeblendet, wir hören den Refrain des Hitlerjugendliedes, das der Reichsjugendführer zu einer Melodie von Hans Otto Borgmann verfasst hatte:
Unsre Fahne flattert uns voran.
In die Zukunft ziehn wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsre Fahne flattert uns voran.
Unsre Fahne ist die neue Zeit.
Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit,
Ja die Fahne ist mehr als der Tod!